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„Wir müssen den Zionismus ‚verlernen’“

Norma Musih
Norma Musih

Eine Diskussion um den Konflikt zwischen Juden und Palästinensern und die über den Zionismus ist heikel. Wegen der Nazivergangenheit von Deutschland und Österreich kommt jede Kritik am Agieren des Staates Israel einem Tabubruch gleich. In Israel selbst werden kritische Ansätze hingegen offen diskutiert. Norma Musih ist Kultur- und Sozialanthropologin und arbeitet als Doktorandin an der Ben-Gurion-Universität des Negev. Im Interview mit „Die Krähe“ erzählt sie von ihrer Kritik am Holocaust-Gedenken in Israel und wie sie den Konflikt zwischen Juden und Palästinensern lösen würde.

Die Krähe: Die politische Situation in Israel ist derzeit sehr herausfordernd. Wie erleben Sie die Politik dieser extrem rechten Regierung?

Norma Musih: Auf der einen Seite ist es ein Alptraum. Ein Teil meiner Arbeit ist auch Politikwissenschaft und ich studiere die Werke von Hannah Arendt über Totalitarismus. Im Moment gibt es dafür lebende Beispiele. Ich selbst wurde 1976 in Buenos Aires geboren, während der Diktatur. Ich habe Kinder und das alles hier macht Angst. Auf der anderen Seite versuche ich positiv zu denken. Die Dinge werden jetzt ganz klar und wir müssen Stellung beziehen. Wir können nicht von Demokratie sprechen, solange es nicht eine Demokratie für alle ist. Das heißt auch für Palästinenser und für palästinensische Flüchtlinge. Wir können nicht über Demokratie allein aus der jüdischen Perspektive sprechen.

Die Krähe: Sie wurden in Buenos Aires geboren. Wie kamen Sie nach Israel?

Das hatte hauptsächlich familiäre Gründe. Ein Teil der Familie war hier und sie wollte zusammen sein. Ich denke es gab auch ein paar versteckte zionistische Motivationen im Hintergrund (lacht).

Die Krähe: Israel feiert seinen 75. Geburtstag dieses Jahr. Die Grundlage für die Erschaffung des Staates Israel war der Zionismus. Glauben Sie, dass der Zionismus die Wurzel für den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ist?

Ja, natürlich. Ein Teil meiner Arbeit macht die Erforschung des Zionismus und des Holocaust aus. Natürlich gab es historische Gründe, warum der Staat etabliert wurde. Aber nach dem Holocaust gab es mehr als nur eine Option, wie das zu tun wäre. Sogar innerhalb des Zionismus gab es viele verschiedene Strömungen. Es gab kulturellen Zionismus, es gab eine Gruppe, die „Beit Shalom“ hieß, die über die Möglichkeit eines binationalen Staates nachdachte. Wenn ich auf die Geschichte blicke, versuche ich zu analysieren, welche Wege schlussendlich eingeschlagen wurden. Der Zionismus hat an einem Punkt beschlossen, diesen einen Weg einzuschlagen und das Ergebnis ist das, was wir heute sehen. Aber es hätte mehr Möglichkeiten gegeben.

Die Krähe: Auf welche Art und Weise ist der Holocaust noch Teil der Identität Israels und seiner Bürger?

Er macht einen großen Teil aus. Vom Kindergarten an lernen wir über den Holocaust. Ich sehe es sehr kritisch, wie der Staat über den Holocaust unterrichtet. Einerseits denke ich, es ist sehr wichtig, alles über den Holocaust zu lernen. Es ist etwas, das überall auf der Welt gelehrt werden sollte. Andererseits kritisiere ich sehr, wie der Staat den Holocaust für seine Zwecke benutzt.

Die Krähe: Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Sogar die Art und Weise wie der Opfer des Holocaust gedacht wird, der Gedenktag ist eine Woche vor dem Unabhängigkeitstag, diese beiden Tage liegen zeitlich eng beieinander. In Israel werden diese Tage Nationalfeiertage genannt. Es ist die Frage, ob das ein Nationalfeiertag ist oder ein Tag, an dem es auch um Menschen gehen sollte, die getötet wurden, nicht weil sie Juden oder Zionisten waren, sondern einfach weil sie anders waren. Der Ansatz, den Holocaust für die Zwecke des Zionismus einzuspannen, finde ich sehr problematisch.

Die Krähe: Sie meinen, an den Holocaust wird auf die falsche Weise erinnert? Was wäre Ihrer Meinung nach der richtige Weg?

Ich würde sagen, der Holocaust ist zu Beginn etwas, das Menschen erlitten haben. Es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wir müssten uns fragen, was wir, nicht nur als Juden, sondern als Menschen daraus lernen können. Wir könnten darüber nachdenken, was wir daraus über Solidarität lernen können.

Die Krähe: Wenn Sie sagen, es sollte als Verbrechen gegen die Menschlichkeit angesehen werden, meinen Sie, es sollte nicht nur als Verbrechen allein gegen Juden betrachtet werden?

Ja und Nein. Sehr viele Juden wurden getötet, das ist auch Teil meiner Familie und etwas, das mir auf verschiedene Art und Weise sehr nahe geht. Aber auf der anderen Seite waren das auch Menschen. Es waren nicht nur Juden, die im Holocaust umgekommen sind. Ich glaube auch, dass es sehr wichtig ist die andere Seite zu verstehen. Wie konnten Menschen zu Nazis werden? Es ist auch sehr wichtig, dass man das verstehen lernt.

Die Krähe: In dem Buch „Es war einmal ein Palästina“ von Tom Segev habe ich gelesen, dass Israels Staatsgründer David Ben Gurion sich nicht besonders mit dem Holocaust beschäftigt hat. Er sagte, sein Hauptziel wäre die Etablierung des Staates Israel. Ausschlaggebend für die Gründung Israels war also nicht der Holocaust, sondern einfach einen jüdischen Staat zu bekommen. Erst später hätten die Zionisten den Holocaust propagandistisch genutzt, um dem „Projekt Israel“ mehr Nachhaltigkeit zu verleihen. Wie sehen Sie das?

Wissen Sie, ich erforsche die Geschichte der Gegenwart. Unsere Gegenwart ist eine sehr zionistische und sie spiegelt die Geschichte wider. Ich weiß, dass Tom Segev und andere die 40er-Jahre erforscht haben und dass sie zu diesen interessanten Schlüssen gekommen sind. Auf der einen Seite gab es dieses zionistische Programm und es ist wichtig, es zu rekonstruieren. Aber auf der anderen Seite ist es auch wichtig zu sehen, wer damit nicht einverstanden war. In dieser Zeit gab es den „Bund“, diese Gruppe von kommunistischen Juden, die nicht zionistisch waren und versucht haben, eine Alternative zum Zionismus zu schaffen.

Die Krähe: Wie sah die aus?

Sie wollten eine Integration in einer sozialistischen Gesellschaft. Sie waren sehr aktiv in Arbeiterbewegungen oder kommunistischen Bewegungen und sehr stark. Sogar in Argentinien gab es Communities von orthodoxen Juden, die sich in landwirtschaftlichen Gegenden von Argentinien formierten und ein jüdisches Leben abgekoppelt von Nationalität lebten. Was ich sagen will, ist, dass es verschiedene Formen von jüdischem Leben gab, die losgelöst waren von Nationalismus, sowohl von orthodoxen als auch von säkularen Juden.

Die Krähe: Sie haben einen eigenen Ansatz zur Lösung des Konflikts zwischen Juden und Palästinensern. Sie nennen ihn „Unlearning Zionism“ (Zionismus verlernen). Können Sir mir erklären, wie Sie das meinen?

Das „Verlernen“ ist ein Teil, aber wir müssen auch aktivistisch sein und wir müssen Visionen für die Zukunft entwickeln. Aber das, was wir am schnellsten tun können, ist, das zu verlernen, was wir wissen. Der Zionismus präsentiert sich aber als der einzige Weg, den wir nehmen konnten. Es ist immer dieselbe Geschichte: Es gab einen Krieg (der erste jüdisch-arabische Krieg 1947, Anm.), wir haben gewonnen, sie haben verloren. Sie werden uns das antun, was wir ihnen angetan haben und so weiter. Als erstes müssen wir also diese Geschichte „verlernen“ und fragen, was ist mit den Palästinensern passiert? Wo waren die Palästinenser? Denn sogar wenn wir von Palästina sprechen, verstehen wir nicht vollständig, dass Palästina eigentlich hier ist. Wir leben buchstäblich in palästinensischen Dörfern, palästinensischen Städten, palästinensischen Communities. Als erstes müssen wir die gesamte Landschaft „verlernen“. Dann müssen wir über die Zerstörung dieser Orte lernen, wie das passiert ist. In meiner Forschung und auch in der von anderen Wissenschaftlern, habe ich festgestellt, dass diese palästinensischen Orte nicht während des Krieges zerstört wurden, sondern nach dem Krieg. Es gab auch Zerstörung während des Krieges, aber das waren Gebäude, die wiederaufgebaut hätten werden können. Normalerweise dürfen Flüchtlinge nach einem Krieg wieder in ihre Häuser zurückkehren. Das besagt die Genfer Konvention, die auch Israel unterzeichnet hat. Aber wir müssen über die Konfiszierung von all diesem palästinensischen Eigentum lernen, das jetzt dem israelischen Staat gehört. Das war palästinensisches Eigentum, das gestohlen wurde. Und was ist mit den palästinensischen Flüchtlingen passiert? Wir müssen auch über die Mechanismen lernen, die dieses Wissen gelöscht haben. Denn man musste einiges an Anstrengung unternehmen, um dieses Wissen zu löschen. Wenn es ein Dorf gab, musste man es verstecken, man musste es zerstören, man musste aktiv etwas tun, um es zum Verschwinden zu bringen. Wie ist es dazu gekommen?